Sind Scrum Master die besseren Eltern?

3. Dezember 2025
Steigen wir gleich mit einem Beispiel ein: Charlotte ist total davon genervt, dass Karl immer ihre Arbeitsmittel benutzt, weil dann ihre ganze Ordnung durcheinander kommt. Nach einem Wortwechsel zeichnet sich keine Lösung ab. Na? Büro oder Kinderzimmer? Man weiß es nicht genau.

Als Scrum Masterin genauso wie als Mutter ist es jetzt meine Aufgabe, den beiden bei der Lösungsfindung zu helfen. Man beachte: Ich selbst finde keine Lösung für die beiden, denn ich bin ja nicht die Schiedsrichterin, sondern ich versuche, Verständnis füreinander zu wecken und moderiere die Diskussion. Warum gebe ich nicht einfach eine gute und effiziente Lösung vor, wenn mir eine einfällt? Ganz einfach. Weil sich dann mindestens eine Person benachteiligt fühlt und neuer Ärger vorprogrammiert ist. Deswegen verstehe ich meine Rolle als Facilitator und nicht als Bestimmerin.

Gerne erzählen mir Eltern, speziell bei Geschwisterkonflikten, dass sie sich da gar nicht drum kümmern, weil sie meinen, dass die Kinder alles unter sich klären sollten. Und auch im Büro beobachte ich Scrum Master, die sich auf „actively do nothing“ zurückziehen, weil sie keinen Handlungsbedarf erkennen. Das gilt sicherlich bei spontan aufkommenden, nicht so sehr in die Tiefe gehenden Problemen, doch sobald es strukturell wird, halte ich dieses Vorgehen für nicht günstig. Denn was bleibt bei den Teammitgliedern respektive Kindern hängen? Erstens: Hier gilt das Recht des Stärkeren. Und zweitens: Meine Bedürfnisse interessieren hier niemanden. Eine schwierige Voraussetzung für ein gelingendes (Arbeits-)Leben.

Auch hier gilt (s. oben): Ich helfe, eine Lösung zu finden. Ich gebe keine Lösung vor. Denn im Büro gilt in der Regel noch sehr viel stärker als im Kinderzimmer, dass mir die Hintergründe und Motive der handelnden Personen nicht vollständig bekannt oder verständlich sind, es mir also gar nicht möglich ist, eine gute Lösung vorzugeben. Es kommt auch nicht darauf an, dass ich die gefundene Lösung für besonders effizient einschätze, sondern dass die involvierten Konfliktparteien damit zufrieden sind. 

Kommen wir am Schluss zu unserer Eingangsfrage: Natürlich sind Scrum Master nicht per se die besseren Eltern. Gleichwohl denke ich, dass sowohl die Methodik als auch das dahinterstehende Mindset viele konstruktive Impulse für das Elterndasein bereit hält. 

Und wie ist es umgekehrt? Sind Eltern die besseren Scrum Master? Auch da würde ich sagen, dass mich das eine nicht automatisch zum besseren anderen macht. Doch das Leben mit Kindern hält viele Situationen und Konflikte bereit, die mich für das Arbeitsleben und den Umgang mit Problemen und Unzufriedenheiten fit machen. Ein intensives Training sozusagen. Moment mal, denken Sie jetzt vielleicht. Fehlt Kindern nicht etwas entscheidendes, was Erwachsene haben? Stimmt! Und ich meine jetzt nicht das WLAN Passwort, sondern eine ausgebildete Ratio. Aber jetzt mal ganz ehrlich: Gehen Sie wirklich davon aus, dass sich Erwachsene im Büro stets rational und wohlüberlegt verhalten? Dass Impulse und Emotionen keine Rolle spielen? Eben!



Dies ist der Auftakt zu einer Reihe, in denen ich mich mit dem Verhältnis von Scrum und Elternsein beschäftige. Beim nächsten Mal geht es um Werte.

22. September 2025
Es ist eine Binsenweisheit, dass man zu Beginn einer Selbstständigkeit nicht nur ein neues Netzwerk aufbauen muss, sondern zuallererst das bereits bestehende Netzwerk informiert, dass man nun selbstständig ist und jederzeit für einen Job zur Verfügung steht. Anfänglich läuft es ganz gut. Ein alter beruflicher Kontakt, den zufällig eine Konferenz in die Stadt führt, möchte sich mit mir auf einen Kaffee treffen. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto unsicherer werde ich. Denn ich starte gerade neu und er hat sehr viel Erfahrung in seinem Job. Worüber sollen wir reden? Werde ich was sagen, was besonders dämlich rüberkommt? Was ist, wenn ich mir meinen Kaffee statt in den Mund auf die Bluse schütte? Auch in so einem Fall kann man sich auf ChatGPT verlassen. Ich schildere dem Bot mein Problem. Er reagiert sofort mit Verständnis, schlägt mir 3-4 Themen vor, die ich besprechen könnte und bietet an, mir noch ein Gesprächsskript für den Einstieg zu schreiben, damit ich nicht stumm wie ein Fisch am Tisch sitze und hoffe, dass mein Gegenüber etwas sagt. Ähnlich wie in einem kostenpflichtigen Videospiel oder in sozialen Netzwerken sind LLMs wie ChatGPT mittlerweile darauf trainiert, Dich im Gespräch zu halten. Nahtlos an das Skript für den Einstieg schließt sich die Frage an, ob er mir nicht noch ein paar Beispielsätze für die Verabschiedung schreiben soll. Auf meinen Hinweis hin, dass mir der Abschied immer etwas schwer fällt, reagiert er mit einer Ermahnung „Das geht vielen so 😊 – ein Gespräch elegant zu beenden ist fast wichtiger als der Anfang, weil Du im Gedächtnis bleibst.“ Gottseidank hat er auch gleich drei Varianten parat, die ich zum Schluss bringen könnte. Danach fasst er alles nochmal zusammen und generiert mir einen kleinen Stichwortzettel für die Hosentasche. Und auch sonst ist ihm menschliches nicht allzu fern. „Willst Du, dass ich Dir noch ein paar allgemeine Smalltalk-Notanker (2–3 neutrale Themen) mitgebe, falls das Gespräch mal stockt?“. Ja, das kennen wir alle. Diese Lücke im Gespräch, die von Fachleuten gern mit „Man muss Stille auch mal aushalten“ kommentiert wird, was aber in der Realität wenig hilfreich ist. Wenn ich als Berlinerin andere Berliner:innen treffe, kann man immer über den Berliner Immobilienmarkt sprechen, ein komplexes und tiefgründiges Thema, aber für Menschen von auswärts ist es schon hilfreich, ein paar Stichwörter auf Halde zu haben. Wobei ChatGPT während des Trainings offensichtlich auch einigen Kommunikationsexperten begegnet ist, denn er rät mir noch: „Kleine Pause zulassen → Schweigen ist oft kürzer, als es sich anfühlt, und es füllt sich meist von selbst.“ Es ist eine banale Feststellung, aber: ChatGPT hat kein Bewusstsein. Der Bot denkt nicht, dass ich mich doof anstelle, weil er gar nicht denkt. Mir hat es sehr geholfen, meine Bedenken auszusprechen. Natürlich, so könnte man argumentieren, wären mir alle diese Dinge vermutlich selbst eingefallen, wenn ich darüber nachgedacht hätte. Aber warum soll man sich von einem Chatbot nicht die Arbeit abnehmen lassen, die einen von der eigentlichen Arbeit abhält?
von c0db4919-1bf2-4373-b63c-31ebf468c072 4. Juni 2025
Sie kennen das bestimmt. Ein so gut wie sicherer Auftrag kommt am Ende doch nicht, weil der Auftraggeber oder die Kundin sich nicht mehr meldet und auch nicht mehr erreichbar ist. Der Bewerber, der die Jobzusage bekommen hat, sagt zu und schickt dann aber den Arbeitsvertrag nicht zurück oder kommt am ersten Tag einfach nicht. Und auch im privaten Bereich platzen sicher geglaubte Verabredungen, weil die andere Person einfach nicht auftaucht. Neudeutsch nennt man das „Ghosting“. Früher hätte man „hängen lassen“ gesagt oder schlichtweg „verarscht“. „Ghosting“ macht die Sache zwar nicht besser, klingt aber wenigstens eleganter. Es gibt viele Gründe für Ghosting und das Fehlen von klaren Worten. Viele kennen sicher den Klassiker aus der romantischen Komödie (zumindest früher), wenn ein Mann eine Frau um eine Verabredung bittet und die Frau antwortet, sie denke darüber nach. Natürlich wissen alle in diesem Moment, dass das „Nein“ heißt, aber ein letzter Rest Unsicherheit bleibt eben doch und daran klammert man(n) sich dann eben. Aber gerade im Business-Bereich, wo es ja weniger um das Individuum geht als um die Rolle, die man hat (etwa der Freelancer, die Personalerin etc.), habe ich mich schon oft gefragt, warum es so schwer ist zu sagen: Nein, ich möchte Ihr Produkt nicht kaufen. Nein, ich brauche Ihre Dienstleistung nicht. Nein, ich möchte diesen Job nicht übernehmen. Häufig muss es ja nicht mal persönlich gesagt werden, sondern eine kurze Email würde auch reichen, damit das Gegenüber Bescheid weiß. Früher habe ich mich über solche Situationen geärgert. Mittlerweile weiß ich, dass ich sie nicht ändern kann. Ändern kann ich nur meinen Umgang damit. Wenn ich merke, dass ein Prozess, etwa das Anbahnen eines Verkaufs oder eines neuen Auftrags länger oder gefühlt schon zu lange dauert, bringe ich ihn selbst zum Abschluss. Dabei mache ich keine Vorwürfe, sondern denke an den Psychologen Thomas Gordon und formuliere eine Ich-Botschaft: „Ich habe das Gefühl, dass von Ihrer Seite kein Interesse (mehr) an meinem Produkt/meiner Dienstleistung/whatever besteht. Ich finde das schade, weil ich sehr gern mit Ihnen zusammengearbeitet hätte. Ich werde Sie nicht weiter kontaktieren.“ Damit kann ich den Fall abschließen und mich mit anderen Dingen beschäftigen. Innerhalb eines Projekts funktioniert Ghosting meistens nicht, weil man sich trotz home office ja doch immer mal wieder im Büro über den Weg läuft. Um so wichtiger finde ich hier eine klare Kommunikation, die jede:r versteht, bei der keine Codes entschlüsselt werden müssen und die keinen Spielraum für Interpretation lässt. Ein Beispiel: Ein Kollege bittet mich darum, eine Aufgabe zu übernehmen, meine Tage sind aber schon voll. Ich könnte jetzt antworten „Ich kann das eigentlich nicht machen, ich muss bis nächste Woche noch etwas anderes erledigen“. Was soll der Kollege mit dieser Aussage anfangen? Heißt das jetzt ja, nein oder vielleicht? Etwas anderes ist es, wenn ich stattdessen folgendes sage: „Ich möchte das nicht übernehmen, weil Freitag die Deadline für die Präsentation ist. Ich habe Angst, dass ich das nicht schaffe, wenn ich jetzt noch etwas anderes übernehme“. Und wenn Ihnen das zu lang ist oder zu umständlich? Dann sagen Sie einfach nein. Und sonst nichts.